Greenland 2018

Die letzten Meilen …

… haben wir nach gut 2 Wochen Pause nun auch noch geschafft. Am Mittwochnachmittag ging es mit auflaufendem Wasser und nachlassenden Sturmböen von Cuxhaven über die Elbe nach Brunsbüttel.

Donnerstag hieß es dann früh um 6:30 Uhr „Leinen los“, um bei Regen den Nord-Ostsee-Kanal gen Osten zu fahren. Die Laune war trotzdem gut und am Nachmittag klarte es langsam auf. Für Freitag war Sonne angesagt und nachdem sich der morgendliche Dunst verzogen hatte wurde es ein wundervoll sonnig warmer Tag. Die Ostsee empfing uns mit sanften Wellen und perfektem Wind von achtern.

In Orth wurden wir gleich an der Mole und im Hafen freudig begrüßt. Danke an den SVO für das herzliche Willkommen und den netten Grillabend! LUNA liegt nun wieder in ihrem Heimathafen und kann sich endlich ausruhen von den Strapazen der Reise. DANKE, bist ein super Schiff!!

Wir haben 5870 Seemeilen zurückgelegt, davon 60 % unter Segeln und 40 % unter Motor bzw. motorsegelnd. Richtigen Sturm hatten wir nie, dafür aber ausreichend viel Starkwind, Nebel, Regen und Kälte. Probleme gab’s, aber keine unlösbaren. Was bleibt, sind die Erinnerung an viele, viele Erlebnisse und nette Begegnungen, die Freude am Segeln, die Faszination für’s Eis sowie bei mir ein noch immer anhaltendes Gefühl von Zufriedenheit und Gelassenheit.

Auch von mir DANKE euch allen die ihr dabei ward für eure Unterstützung, euer Durchhalten egal was kommt und gute Laune. An Reinhard 1000 Dank für Seekarten und Infos, die super Wetterberatung, das Mitfiebern und mentale Unterstützung. An Uli DANKE für die Idee nach Grönland zu segeln und nochmal DANKE für’s aushalten mit mir.

(Astrid, 08. Oktober)

 

 

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Nachtrag

Ich sitze zu Hause am Schreibtisch, ärger mich über technische Probleme mit WLAN und Apfel Produkten.

Aber immerhin funktioniert nach einigen Updates der Zugriff auf meine Aufnahmen mit neuem Smartphone 😉

Das veranlasst mich gleich noch ein wenig online zu stellen.

Der Blick zurück auf den Prinz-Christians Sund, immer noch ein schmerzhaft schöner Anblick:

Aber auch Schottland hat schöne Momente, das Licht im Norden lässt mich nicht los:

Barra
outer Hebrides – Barra
outer Hebrides
The Minch – Luna segelt
Lebensweisheiten Tobermory
Eingang Caledonien Canal

Die folgenden Aufnahmen erklären vielleicht das Salzwasser im Dieseltank und im Frischwassertank (nicht nur ich, sondern auch die Lüftungen sitzen in Reichweite) 😇:

Starkwind

Der Zieleinlauf Cuxhaven, wir sind pünktlich da 😉

Cuxhaven – Kugelbake

Und ein paar Eindrücke

Kangikitsoq
Kangikitsoq
LUNAs Place in Pami Bay
früher Aufbruch auf den Berg

 

 

unterwegs
irgendwo
Hamburgersund

 

 

Arctic Char

 

Angelika
Aappillatoq
Aappillatoq
Aappillatoq

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Danke Astrid, dass wir das gemeinsam geschafft haben

Danke liebe Mitsegler*innen, ohne euch geht nicht und schön ist es sowieso, euch dabei zu haben

Danke Grönland

wehmütige, verträumte Grüße

ULI

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This is the end …

Gestern abend (20.09.) sind wir mit dem letzten Büchsenlicht in Cuxhaven eingelaufen und wurden von der Heimkehr, die uns einen Liegeplatz längsseits anbot, schon erwartet. Wieder hatten wir Glück mit dem Wind. Mit halben Wind liefen wir zunächst gerefft, später unter vollem Tuch mit 4-5 Knoten in Richtung Cuxhaven. Die Berechnungen der Elb-Strömung passte fast auf die Minute genau. Auch die Querung des Fahrwassers verlief ohne Probleme. Wir mussten den richtigen Zeitpunkt erwischen, zwischen den Frachtern, Fähren und anderen großen Schiffen (Im Vergleich zur LUNA sind alle anderen groß 😉 die Wasserstraße zu queren. Ein Krimi! Die Großen sind mehrere hundert Meter lang, viel höher und vor allen Dingen viel schneller. Nach einer viertel Stunde waren wir sicher auf der anderen Seite angekommen.

Da die TO-Vereins-Geschwaderfahrt wegen Schwerwetter abgesagt worden war, haben wir das nächste gute Wetterfenster genutzt, um nicht Gefahr zu laufen, auf Helgoland festzusitzen. Die Prognosen für das Wochenende änderten sich von Tag zu Tag. Klar war nur, dass zwei starke Tief mit z.T Orkan-Böen erwartet werden und unklarer Zugrichtung.

Mit gemischten Gefühlen starteten wir von Helgoland in den letzten Segeltag. In Cuxhaven geht ein langer, beeindruckender und ereignisreicher Törn zu Ende, der – wie jede Reise – zu kurz war. Unterwegs dankten wir Rasmus nochmal für die günstigen Winde, legten grönlandische Musik auf und staunten wiederholt über das Glück (oder war es Geschick?), dass wir auf der gesamten letzten Etappe hatten.

Vielen Dank an die großartigen Skipperinnen der LUNA: Uli und Astrid

Danke dafür, dass ihr immer wieder Spaß daran habt (und die Geduld), mit den unterschiedlichsten Leuten zu reisen, und es vielen ermöglicht habt, Grönland so erleben zu können!

(Carola, 21. September)

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Helgoland

Um 20:45 UTC haben wir auf Helgoland festgemacht. Alles hat bestens geklappt. Nun gibt es erstmal Ravioli aus der Dose und dann ein paar Stunden Schlaf!

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Nordsee – uns wird nie langweilig

Freitag Nachmittag haben wir Inverness verlassen, um unsere letzte große Etappe anzugehen. Mit an Bord ist wieder das Glück, dass auf dieser Reise offensichtlich gerne bei uns ist. Sonntag Nacht zieht ein erstes Sturmtief nördlich von uns Richtung Norwegen und bringt uns bei gut 7 Windstärken zügig voran. LUNA mag es, wenn der Wind nicht zu knapp ist und läuft voll runter gerefft mit 5-6 kn. Wir schieben gut Lage und es ist nass und unbequem (Kochen macht so definitiv keinen Spaß). Wir sind froh, dass wir vorher gut voran gekommen sind und so nicht den vollen Wind abbekommen. Schon am Abend flaut es ab.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit reicht der Wind nicht mehr aus um uns voran zu bringen. Wir starten den Motor. Der geht nach ein paar Minuten aus und nicht wieder an. Diesmal liegt es nicht daran, dass Luft in der Leitung ist. Leider müssen wir feststellen, dass alle Filter und Leitungen mit Seewasser voll sind. Ursache muss sein, dass in den frühen Morgenstunden das übergehende Wasser nicht schnell genug abgelaufen und über die Tankentlüftung in den Dieseltank gelaufen ist. Das hatten wir noch nie! Nachdem ich geschätzte 15-20 Liter Wasser abgepumpt habe, kommt noch immer nur ein dreckiges Diesel-Wasser-Gemisch aus dem Tank. Die weitere Problemlösung verschieben wir auf den nächsten Morgen. Wir holen uns über das Satellitentelefon Beratung von Ingo, unserem Lieblingsmechaniker ein und legen hoch motiviert los. Uli und Carola bauen die Batterien aus und die darunter liegenden Dieselleitungen vom Tank ab. Ich installiere mit einem 20 Liter Kanister in der Backskiste einen Tagestank und lege sämtliche Leitungen und Filter trocken. Derweil steuert uns Eshana bei gutem Segelwind durch die sonnenbeschienende Nordsee. Gut, dass es ruhig und trocken ist, so können wir problemlos arbeiten. Das letzte Wasser drücken wir durch die losgeschraubten Einspritzdüsen raus, indem wir den Motor unter Vollgas juckeln lassen. Rostiges Wasser sickert heraus, dann kommt Diesel. Nachdem die Düsen wieder zu geschraubt sind wagen wir einen Startversuch. Und der Motor springt an! Wir können unser Glück kaum fassen. Das war leichter als gedacht. Der Mercedes schnurrt wie immer, läuft völlig rund und zufrieden.
(Astrid, 17. September)

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Kilts, Nessie & der ganz normale Wahnsinn

Nachdem wir den Zivilisations-Schock überwunden hatten – in Tobermory lag ein Kreuzfahrtschiff vor Anker, dementsprechend viele Leute waren an Land unterwegs (meist sehr langsam) und wuselten durch die Läden auf der Jagd nach Souveniers; in Oban zwängten wir uns am Samstag abend zusammen mit vielen Obaner*innen in einen Pub und wohnten mit englischem Bier dem Live-Auftritt einer Band bei, die den Altersdurchschnitt in dem Laden deutlich nach unten senkte, und Hits aus den letzten 30 Jahren spielte, die Stimmung war super und die  Barkeeper kamen den Bestellungen gar kaum hinterher; dazu kamen Autos, die grundsätzlich aus der falschen Richtung kamen, die exorbitant große Auswahl in den Supermärkten (Ja, Mehrzahl!), Zäune, sauber asphaltierte Straßen, Schilder, auf denen steht, was du zu unterlassen hast, Menschen, die dich in den Läden freundlich lächelnd ansprechen mit „Hello my dear, can I help you?“ (für Berliner*innen ist das fast das gruseligste, was passieren kann), Schafe und Rinder, Männer in komischen Röcken (dem Gerücht nach ohne Unterwäsche, überprüft haben wir es nicht), Astrids Versuche, uns mit mehreren Hürden einzuklarieren (no borders, no nations,.. das wär toll!)… – als wir also nach drei Tagen mit dem ganz normalen (schottischen) Wahnsinn wieder klar kamen, legten wir am Sonntag (09.09) Abend in Corpach bei Fort William an.

Am folgenden Morgen um 7:30 ging es über die erste Schleusentreppe in den Kaledonischen Kanal. (Die Besteigung des Ben Nevis hatten Astrid und Carola wegen Nebel und Regen gestrichen.) Während „draußen“ (Hebriden, Irländische Westküste und angrenzende Gewässer) gale warnings rausgegeben wurden, waren wir geschützt im Kanal und tuckerten mit Motor und auf den Loch’s unter Segel von Schleuse zu Schleuse oder Brücke der Nordsee entgegen bei typisch schottischen Wetter. Die Schleusenwärter*innen empfingen uns freundlich, nahmen die Leinen an und hielten manchmal ein Pläuschchen mit uns, reichten uns von einer zur anderen Schleuse weiter, funkten an die Brücken, dass wir gleich kommen würden, und verabschiedeten uns mit Winken. Das Rundum-Service-Paket für gute 200 Pfund. Da wir gut in der Zeit waren, legten wir in Fort Augustus am Eingang von Loch Ness wegen Regen einen Gammeltag ein und bereiteten uns auf die Begegnung mit Nessie vor.

Und tatsächlich… Als wir mittags vor dem Urquhart Castle eine Pause einlegten und uns treiben ließen, hörten wir plötzlich ein Plätschern an Backbord und ein Kopf tauchte auf. Zum Glück hatten wir gerade alle Kameras am Start und so können wir Euch stolz die jüngsten Aufnahmen dieses wundersamen Wesens präsentieren.

JA, es gibt sie wirklich, ABER nicht mehr im Loch Ness, denn nach dem Fotoshooting entschloss sich Nessie, mit uns weiter zu reisen. Sorry to all Scots: Nessie hat keine Lust mehr auf euer Loch und das Regenwetter, sie bleibt bei uns. Wir haben ihr Sonne, Freundschaft und später nochmal Grönland versprochen.

Heute (13.09) liegen wir mit ihr in Inverness, kaufen für die letzte Etappe ein und bereiten Luna und uns auf die Nordsee vor, um morgen wieder in See zu stechen.

13.09 (Carola)

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Landfall

Meine Wache beginnt um 03:00 früh. Der Mond, nur noch eine Sichel, aber hell genug, beleuchtet den Weg durch die schwindende Nacht. Voraus an Backbord blinkt das Leuchtfeuer Barra  Head alle 15s. Mit dem ersten Morgengrauen werden die Umrisse vom Land sichtbar. Schottland empfängt uns mit einer kräftigen Regenbö. Luna zieht unter voller Besegelung an und prescht mit 7-8 kn voran. Wir runden Barra Head und segeln mit der aufgehenden Sonne bei mäßiger Brise die Hebridensee hoch  gen Norden. Die Sonne taucht die Inseln in ein fast magisches Licht, Regenbögen leuchten über satt grünen Wiesen, die Luft duftet erdig.
Carola kocht Kaffee, Eshana übernimmt um 06:00 das Ruder. Wir trimmen die Segel und segeln nun hoch am Wind. Die Sonne lacht, und wir lachen auch. Es ist ein wunderbares Gefühl hier anzukommen. So leicht, so unbeschwert.
Unsere Überfahrt war grandios, schönstes Atlantiksegeln, sorgenfrei. Die Wettergötter haben es gut gemeint mit uns. Tagelang Wind von achtern, nie zu viel, keine Flaute. Dazu einige Wale und viele viele Delphine, Seevögel, immer mal wieder Sonne, ab und zu der Mond und Sterne. Ich bin dankbar und erleichtert.
Ich hatte einen Riesenrespekt vor dieser Etappe. Den ganzen Sommer lang hat es am Kap Farvel gestürmt. Schlimmstenfalls kommt hier alles zusammen – Sturm, Kreuzseen und Eis. Wir waren uns einig, dass wir nur bei einem guten Wetterfenster starten, kein Risiko eingehen und das Wetter mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln im Auge behalten. Wir haben täglich gribfiles über IridiumGo abgerufen und über Navtex Wettermeldungen und Faxkarten erhalten. Zusätzlich hat Reinhard von Land aus für uns die Lage im Auge behalten und täglich Wetterinfos und Routenempfehlungen geschickt. So ist es uns gelungen, vom ersten Tief nur etwas Starkwind ab zu bekommen und allen weiteren Starkwindfeldern sowie Flauten auszuweichen. Unser Kurs verlief dazu erst Richtung Südost und erst später Richtung Ost. Als Zwischenziele hatten wir Casablanca und später auch mal Island voraus. Vor vier Tagen haben wir dann entschieden, durch den Kaledonien Kanal und nicht über die Orkneys zu fahren. Und nun sind wir genau dort angekommen, wo wir auch hin wollten. Ohne kreuzen, einfach immer nur mit dem Wind und der Nase nach.
Ein paar Stunden später: Luna schaukelt zufrieden am Anker, am Ufer weißer Sandstrand, die Sonne scheint. Morgen trauen wir uns dann weiter in die Zivilisation vor, über Tobermory und Oban werden wir nach Fort William am Eingang des Kaledonien Kanal segeln.

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Kurzer Nachtrag

Nachdem wir euch gestern bereits über diesen wundersamen Tag berichteten, folgt hier noch ein kurzer Nachtrag, denn die Nachtwache wurde umso wunderlicher. Ulis Wache hatte soeben begonnen und die letzten Strahlen des Tageslichtes verschwanden zunehmend hinter den aufziehenden Wolken im Westen. Es wurde dunkel und still, auch der Wind hatte wieder abgeflaut. Wir unterhielten uns soeben darüber, dass man bei diesen Gegebenheiten – einer dunklen Nacht ohne Mondschein – ja prima „Meeresleuchten“ sehen können müsste – fluoreszierende Algen, die bei ausreichender Bewegung des Wassers zu leuchten begannen. Suchend starrten wir auf die pechschwarze Wasseroberfläche. War das da ein Leuchten? Oder war es nur Gischt, die sich mit ihrem hellen weiß so sehr von dem dunklen Wasser abhob? Nein, dieses Mal konnten wir uns sicher sein: die LUNA selber hinterließ in ihrem Heckwasser eine geisterhaft schimmernde Spur, die sich in der Ferne verlor. Wir betrachteten bereits fasziniert dieses Schauspiel, als Uli auffiel, dass „es komisch ist, dass sich das Bugwasser schneller als das Schiff bewegt. Und dass es umkehrt und zurückkommt“. Denn auch dort hinterließ die LUNA funkelnde Spuren. Wir sahen genauer hin. Nicht nur unser Bugwasser zog da Schlieren hellgrünen Lichtes im Wasser. Wie Kometen bewegte sich dort in der Tiefe etwas in Windeseile, schlug Haken, kam näher zur Oberfläche und tauchte wieder ab in die Tiefe, sauste unter dem Boot durch, vor und zurück. Delfine! Abermals! Dieses Mal jedoch nur als geisterhafte Lichtgestalten zu erahnen, die ihre Bahnen um das Boot zogen und im Bugwasser der LUNA umhertollten. Ich eilte nach vorne aufs Vorschiff, lehnte mich über die Reling und konnte mein Glück kaum fassen. Überall um mich herum zogen die nur schemenhaft erkennbaren Meeressäuger grünlich leuchtende Spuren um das Boot, ab und an war eine Rückenflosse zu erkennen oder ein leichtes Prusten zu hören. Ansonsten war alles still und dunkel. Ich gab mich lange dieser gespenstisch magischen Choreographie hin und wagte kaum zu glauben, in Mitten welches Spektakels ich mich dort befand. Wähnte ich mich nach den Ereignissen des Tages bereits tief in die dunklen Welten des Nordatlantiks entführt, so fühlte ich mich nun nicht einmal mehr im Stande, die hierbei aufkommenden Gefühle in Worte zu fassen. Vielleicht formuliere ich es so: Man hat das Gefühl, durch einen Sternenhimmel zu fliegen und dabei in einer Glaskapsel zu sitzen. Man ist nicht Teil des Geschehens, man kann es nicht berühren oder festhalten. Man kann es nur bestaunen während man diese fremden Welten bereist. Was bleibt, sind die Erinnerungen an diese magischen Momente, an das Gefühl, für einen kurzen Augenblick völlig fern von Zeit und Raum zu sein.

03. September (Eshana)

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Worte der Glückseligkeit

Wir haben heute nach zwei recht windarmen und dafür wellenreichen Tagen endlich auch wieder passenden Wind zu den Wellenbergen, die LUNA schiebt sich mit 6-7 Knoten durch die kühlen Fluten. Laut Uli in Spitzen sogar mit 13,2 Knoten auf einer Welle surfend. Die Stimmung an Bord ist gut, wir lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen und hören „Sailing Conductors“ über die Boxen. So mit unseren Guacamolebroten in der Hand fühlen wir uns gänzlich wohl hier mitten auf dem Nordatlantik irgendwo zwischen Grönland und Schottland.
Aus diesem Zustand völliger Zufriedenheit heraus möchte ich euch also gerne über den heutigen Morgen berichten, der so kaum in Worte zu fassen ist. Ich habe die Sonnenaufgangswache am Morgen abbekommen und so fällt es mir zu, zusammen mit Astrid als Standby diese frühen Stunden zu genießen, in denen sich die Welt meist von einer ganz eigenen Seite zeigt. So auch heute. Direkt voraus ging die Sonne in gleißendem orangerot hinter einer zerrissenen Schicht aus Haufenwolken auf und ließ die See vor uns in einem dunklen blau mit goldglänzendem Überzug erstrahlen. Die spritzende Gischt der hohen Wellenkämme sprenkelte diesen Hintergrund zeitweise geisterhaft mit einem dunstigen Schleier und die hohe Dünung schien ins Unendliche zu gehen. Von Achtern zogen immer wieder große Wolken wie bedrohlich dunkelgraue Schlachtschiffe auf, die starke Böen mit sich brachten und schlieren von Regen hinter sich herzogen und sich langsam vor die Sonne schoben. Für diese Momente wirkte die See fast schwarz, lediglich die sich brechende Gischt versah das Wasser mit weiß-türkisen Flecken. Mit jeder Wolke bildete sich in unserem Rücken ein neuer Regenbogen. Während die LUNA so mit gereffter Fock durch das Szenario glitt, tauchten plötzlich etliche Rückenflossen an Backbord aus den schwarzen Tiefen auf, die sich ihr in schnellem Tempo näherten. Mit den Wellen schoss da eine Delfinschule heran, Wasser umspritzte ihre Bewegungen und sie stürmten wir Reiter an einer Front unaufhaltsam voran um im nächsten Moment wieder unterzutauchen und aus einer völlig anderen Richtung zurückzukehren. Sie schossen mit ihren schlanken, starken Körpern über den Wellenkämmen aus dem Wasser, ganz so als wüssten sie, dass wir dort an Bord standen, bestaunten und uns selber ganz plötzlich behäbig und langsam fühlten. Wieder und wieder sprangen sie mit einem Flossenschlag in die Höhe und es wirkte dabei ganz so, als würden sie anstelle durch Wasser eher durch Wolken tanzen. Noch während Astrid heruntereilte um eine Kamera zu holen, verschwanden sie mit einem letzten Sprung in den Weiten der See.
Noch immer ungläubig staunend über das Geschehene steuerte ich die LUNA weiter gen Osten, Astrid hatte sich – von der Aufregung müde geworden – in die Sonne zum Nickern gelegt. Da tauchte plötzlich ein weiterer Besucher auf. Ein lautes Prusten ließ meinen Blick nach rechts schießen. Direkt neben dem Boot in ungefähr 5m Entfernung tauchte ein riesenhafter grauer Wal auf. Ich schrie auf, halb vor Schreck, halb vor Ungläubigkeit. Stück für Stück entblößte er von der Finne angefangen nach und nach den Rücken bis er mit einem kräftigen Schlag seiner Schwanzflosse wieder in den Tiefen des Nordatlantiks verschwand und nur eine Spur sprudelnden Wassers zurückließ. Astrid war durch meinen Schrei hochgeschreckt, leider jedoch einige Sekunden zu spät, der Wal war unseren Blicken entschwunden. Ich musste laut lachen, diese Situationen sind oft so absurd, dass man sie – wohl auch dank der Kürze der Momente – kaum zu glauben vermag. Und gerade das macht sie jedoch so wunderschön. Es ist die ganz spezielle Magie einer Welt, die für das menschliche Auge meist unsichtbar bleibt. Wir sind Fremde hier, die auf der Oberfläche eines anderen Planeten reisen und durch diese Augenblicke – und das sind sie beileibe, lediglich einige Sekunden – Einblicke darein bekommen, was sich unter diesem Panzer aus schwarzblauen Wellen und Gischt verbirgt und uns auf unserer Reise umgibt und begleitet.

(Eshana, 02. September, Rockall Plateau (1100 m Wassertiefe))

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Bordalltag

Unterwegs zu sein, hat seinen ganz eigenen Rhythmus. Mittlerweile sind wir alle mittendrin. Eine Freiwache zum Schlafen nutzen, die andere zum Lesen, Navigieren, Kochen und für einen Powernap. Das Rollen des Schiffes bei achterlicher Brise entschleunigt. Immer festhalten, alle Gegenstände, keine Tasse oder Topf kann man auch nur kurz loslassen. Die Aries-Selbststeueranlage (Willy) steuert schlecht bei achterlichem Wind, für den Autopiloten fehlt elektrische Energie wegen defekter Batterie und zu wenig Wind für den Windgenerator, wir müssen also oft selbst ran. Wenn LUNA durch die See prescht, ist steuern das reinste Vergnügen. Drei Stunden Wache vergehen wie im Flug. Auch nach gut 40 Jahren Segeln begeistert es mich immer noch, wie ein Segelboot durch die See gleitet. Von der von achtern anlaufenden See angehoben wird, Brecher meistens neben dem Heck auslaufen, wenn sie einem nicht doch eine Dusche im Cockpit verpassen. Dann beschleunigen die knapp 15 t Stahl und gleiten ins Wellental, um gleich wieder aufwärts gehoben zu werden.
Oft begleiten uns Sturmvögel, gestern Abend taucht ein Orca dicht am Heck der LUNA mehrmals aus den Wellen auf, die hohe Rückenfinne zum Greifen nah. Eshana und ULI haben das Glück den kurzen Moment begeistert draußen zu erleben. Gerade eben besuchen uns mehrere Grindwale. Wir hoffen auf noch mehr Wale.
Wir lesen viel, lesen uns gegenseitig vor. Vor allem die Standby der Rudergängerin. Jede Crewkombination ein anderes Buch: Carola liest Astrid aus Birgit Lutz „Heute gehen wir Wale fangen“, ULI für Carola „Nordwasser“ von Ian McGuire, Eshana für ULI englischsprachige Bücher (Englischunterricht) oder wenn ULI sich erfolgreich wehrt Sherlock Holmes Hörbücher zur Entspannung. Wann kommt man schon mal im Alltag zu so schönen gemeinsamen Stunden.
Essen ist natürlich ganz wichtig: Irgendwann nach Wachwechsel 09:00 Uhr Frühstück (Porridge, Brot, gebratene Eier, Obstsalat und/oder Müsli), mittags ein warmer Imbiss und gegen 18:00 Uhr das Abendessen, bevor die ersten vor ihrer Nachtwache noch eine Runde Ruhen wollen. Immer frisch gekocht, Dosensuppenwetter blieb bisher aus, zum Glück. Noch haben wir frisches Gemüse, demnächst müssen wir kreativ mit den Dosenvorräten kombinieren. Uns ist bei 13°C Lufttemperatur so warm, dass wir gerne auf die Heizung verzichten.
Heute könnte es ruhig etwas stärker wehen, bei wenig Winddruck im Segel rollt LUNA besonders, schaukelt sich immer wieder auf. Weiter nördlich tobt sich ein Tief aus, wir sind erfolgreich nach Süden ausgewichen und dürften die nächsten Tage auch nicht mehr allzu viel abbekommen.
Ein- und Ausreffen sowie Segelwechsel halten uns manchmal auf Trab, mittlerweile sind wir gut eingespielt, jeder Handgriff sitzt. Ab und zu gibt es noch kurze Diskussionen, wann „rechtzeitig gerefft“ wird.  Nachts werden Segelmanöver so weit möglich auf die Zeit des Wachwechsels gelegt, es ist ruhig an Bord, die Wache Gehende mit der Nacht oft alleine. Zeit zum Schauen, zur Ruhe kommen und seinen Gedanken nachzuhängen.
Wie viele Tage wir schon unterwegs sind, wird glücklicherweise im Logbuch dokumentiert, Zeit verschwimmt immer mehr.
Mir wird das Ankommen wieder schwer fallen. Landfall ist immer auch ein Abschied von der See.

(ULI, 31.08., siebte Tag auf See, im Logbuch nachgezählt)

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